Henrik Moor - Leben und Werk

"Anita Moor" vor 1920.Am 22. Dezember 1994 errichtete Frau Anita Moor (1910 - 2001) zur Erinnerung an Ihren Vater Henrik Moor eine Stiftung und übertrug dieser den gesamten Werkbestand, der sich in ihrem Eigentum befand, insbesondere seine Gemälde, Zeichnungen und Skizzen. Satzungszweck dieser, von der Kester-Haeusler-Stiftung betreuten »Anita Moor-Stiftung« ist es, »des Künstlers Henrik Moor zu gedenken, sein weit gefächertes Werk, insbesondere in seiner bildnerischen, zeichnerischen und graphischen Ausprägung zu bewahren, zu pflegen, zu sammeln, wissenschaftlich zu erforschen und lebendig zu erhalten«.

Henrik Moor an der Staffelei.Zahlreiche Werke Moors aus allen Schaffensperioden sind heute in der Haeusler-Villa und im »Henrik-Moor-Saal« des Veranstaltungsforums der Kester-Haeusler-Stiftung im Kloster Fürstenfeld der interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Der recht umfangreiche Bestand der Stiftung erfuhr in den letzten Jahren - angeregt durch Ausstellungen, die ansprechende Präsentation und eine gezielte Suche nach weiteren Werken, die die Sammlung noch ergänzen könnten - einige bedeutende Zugänge. Neben den zahlreichen Gemälden der Schenkung aus dem Bestand des Ehepaares Walter und Erika Christl Greim-Schwemmle, die die Sammlung ganz überwiegend um Landschaften und Städteansichten bereichert, und einigen im Handel und von privaten Sammlern erworbenen Werken schmücken auch Leihgaben aus dem Besitz des Sohnes von Henrik Moor, Herbert Moor, die ständige Ausstellung.

Im Jahre 1908 ließ sich Henrik Moor in Fürstenfeldbruck nieder, wo er bis zu seinem Tod 1940 lebte und arbeitete. Er folgte damit einem Trend seiner Zeit, der ihn wie viele seiner Kollegen veranlaßte, sein Münchener Atelier aufzugeben, um auf dem Land abseits von großstädtischer Hektik künstlerische Inspiration zu suchen. Eine Reihe von anderen Malern war bereits vor Moor aus der bayerischen Hauptstadt in die ländlich geprägte Marktgemeinde an der Amper oder ihre landschaftlich reizvolle Umgebung gezogen; weitere sollten folgen. Obgleich Moor zu einigen dieser Malerkollegen enge Beziehungen unterhielt und sich auch regionalen künstlerischen Aktivitäten - insbesondere den örtlichen Kunstausstellungen - nicht verschloß, so blieb er doch zeitlebens ein »Münchener« Maler, der sich an der Kunstszene der Metropole orientierte. Seine breitgefächerten künstlerischen Neigungen und Ziele, seine vielseitigen stilistischen und technischen Ausdrucksformen machten ihn zu einer Ausnahmeerscheinung unter den sogenannten »Brucker« Malern mit ihrem dominierenden Interesse an reizvoll-idyllischen, ländlichen Sujets. Herkunft und Erziehung des Künstlers spielten dafür sicher eine entscheidende Rolle.

Frühe Aufnahme Henrik Moors mit seinem Vater.Am 22. Dezember 1876 in Prag als drittes Kind eines Opernsängers geboren, wuchs Henrik Moor in einer musikalisch-künstlerisch geprägten Atmosphäre auf. Nach dem frühen Tod der Mutter lebte er bei seinem älteren Bruder Emmanuel, einem besonders zu seinen Lebzeiten sehr geschätzten Komponisten, zunächst in New York, anschließend in London. Er erhielt eine profunde musikalische Ausbildung, die ihn nicht nur zu einem ausgezeichneten Pianisten machte, sondern auch dafür sorgte, dass Musik für Moor zeitlebens eine fast ebenso zentrale Bedeutung behielt wie die Malerei. Seine akademischen Studien der Malerei begann Henrik Moor bereits mit etwa 16 Jahren. Er war Schüler an der Slade School des University College of London - zunächst bei dem französischen Maler, Grafiker und Bildhauer Alphonse Legros (1837-1911), später bei Frederick Brown (1851-1941), der als Landschafts- und Genremaler bekannt war.

Um 1896/97 kam Moor wie zahllose junge Künstler nach München, um an der Akademie der Bildenden Künste sein Studium fortzusetzen. Die immer wieder als allzu konservativ kritisierte Institution genoss in diesem Zeitraum unter der Leitung des Malers Ludwig von Löfftz (1891-99) den Ruf, besonders fortschrittlich zu sein, und zog Schüler aus ganz Europa an. Darüber hinaus hatte auch Münchens Ruf als Kunststadt in den Jahren vor der Jahrhundertwende noch wenig von seinem Glanz und seiner Anziehungskraft eingebüßt. Moor studierte in München u.a. Maltechnik bei Otto Seitz (1846-1912), einem Schüler des Historienmalers Karl von Piloty, und Porträtmalerei bei Ludwig Schmitt-Reutte, der aus der Löfftz- und Diezschule kam. Um 1898 beendete Moor seine akademischen Studien und ließ sich in München als freier Maler nieder.

Skizze zu »Orchester«, 1928.1903 heiratete der Künstler Eugenie Wolff, die Tochter eines Mannheimer Großkaufmanns. Er wurde Mitglied der großen »Münchner Künstlergenossenschaft«, mit der er sich seit 1900 bei den internationalen Kunstausstellungen im Glaspalast beteiligte. 1911 wechselte er zur exklusiveren »Luitpoldgruppe«, einer Gemeinschaft, die gemäßigt moderne Ziele vertrat, sich aber vor allem für hohe künstlerische Qualität stark machte.

»Abend« 1927.In den Werken, die in diesen Jahren entstanden, zeigte sich Moor den Traditionen der Münchener Malerei um 1900 verbunden. Die avantgardistischen Tendenzen der zeitgenössischen Kunst, mit denen er durch Ausstellungen in Berührung kam, hinterließen keine konkreten Spuren in seinen Bildern. Schon in dieser frühen Schaffensperiode profilierte sich Moor als talentierter Porträtist, und Porträtaufträge wurden bis in die zwanziger Jahre zur wichtigsten Erwerbsquelle des Künstlers. Er verstand es, die Dargestellten, meist Angehörige des vermögenden Großbürgertums, repräsentativ und leicht distanziert ins Bild zu setzen, nicht ohne die Personen gleichzeitig mit ihren charakteristischen Wesenszügen zu schildern. Das Porträtieren war für Moor aber mehr als bloße Auftragsarbeit - es blieb für ihn stets eine wichtige künstlerische Aufgabe. Dies zeigen die zahllosen Bildnisse, die der Künstler von seiner weitverzweigten Familie, seinen Freunden und Kollegen malte. Besonders häufig fungierten Moors Frau und seine sieben Kinder als Modelle. Der Maler zeigte sie in unterschiedlichsten Positionen und allen Lebensaltern, in skizzenhaften Studien und aufwendigen, großformatigen Gemälden. Alle Porträts besitzen jedoch eine intensive, lebendige Ausstrahlung, die den Betrachter unmittelbar anspricht. Wie viele Maler beschäftigte sich Moor auch regelmäßig mit dem eigenen Bild. In zahlreichen Selbstporträts spiegelten sich die Entwicklung seiner individuellen Persönlichkeit ebenso wie die wichtigsten Stationen in seinem künstlerischen Werdegang.

Neben Porträts malte Moor in dieser Schaffensperiode häusliche Sujets, Genres und Stilleben, gelegentlich aber auch Landschaftsstudien. Mit breiten Pinselstrichen und einem pastosen Farbauftrag löste er die Konturen im Bild auf und erzielte skizzenhaft-lebendige Effekte mit stark wechselnder Lichtwirkung. Die Farbigkeit der Bilder ist tonig; Braun- Ocker- und Grautöne bestimmen den Gesamteindruck.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die vielversprechende Entwicklung des Malers, der als österreichischer Staatsbürger 1916 zur k. & k. Armee eingezogen wurde. Als Schlachtenmaler des Kriegspresseamtes kam er in Italien und auf dem Balkan zum Einsatz. Nachkriegszeit und zwanziger Jahre waren eine künstlerisch höchst kreative und zunächst auch wirtschaftlich erfolgreiche Phase im Schaffen Henrik Moors. Er beteiligte sich weiter an den Ausstellungen im Münchener Glaspalast, in dessen Aufnahmejury er 1929 berufen wurde, und stellte auch im Kunstverein aus. Zur Präsentation kamen meist großformatige Arbeiten, häufig Gruppenporträts. Daneben entstanden vermehrt kleinere Landschaften und Stadtansichten, Genreszenen wurden dagegen seltener.

»Moses« um 1927.Wie viele andere Künstler seiner Zeit und Generation wandte sich Moor in diesen Jahren mehr und mehr von der traditionellen Ölmalerei ab und versuchte, eigene Farbmischungen herzustellen. Er experimentierte mit unterschiedlichsten Bindemitteln zum Anrühren der Farben, versuchte aber auch, die Pigmente mit natürlichen Materialien wie Erde, Sand, Torf oder geriebenem Kolophonium zu mischen. Um 1924/25 entwickelte Moor eine neuartige Tempera, die von seinem Malerkollegen Fritz Behrendt (1863-1946), der in Grafrath eine international renommierte Farbfabrik betrieb, produziert wurde.

Die zwanziger Jahre waren für Moor auch eine Zeit der stilistischen Experimente. Zunächst werden Tendenzen sichtbar, wie sie auch für die Künstler des deutschen Impressionismus typisch waren. Der Bildraum erscheint gleichmäßig durchleuchtet, die Farbpalette ist hell, die Pinselstriche sind breit und wirken spontan, der Farbauftrag ist sehr pastos und teilweise so fest, dass ein stark strukturiertes Oberflächenrelief entsteht. Die Gemälde sind auf Fernwirkung hin konzipiert. Etwa zur gleichen Zeit begannen aber auch Moors Versuche mit der Abstraktion. Es entstanden Reihen von kleinformatigen, skizzenhaften Darstellungen, die sich freilich nie gänzlich vom Gegenständlichen lösen. Mit ihrem Dickicht aus spitzwinkeligen, schrägen oder arabeskenhaften Linien drücken die Arbeiten Bewegung und Dynamik aus, die von einer intensiv leuchtenden Farbigkeit noch unterstrichen wird. Ideen des italienischen Futurismus, aber auch die Nähe zum deutschen Expressionimus werden hier spürbar.

Moors Bemühen, in seinen Bildern Bewegung und Lichtwirkungen umzusetzen, zeigt sich in allen Werken dieser Zeit. Die Bildkonturen werden mit feinlinigen, unruhigen und oft sichtbar übereinandergelagerten Pinselstrichen aufgelöst und erschließen sich nur aus größerer Entfernung. Aus diesen Ansätzen entwickelte Moor in den späten zwanziger Jahren eine stilistisch folgerichtige Ausdrucksform, die er selbst als »dynamische« Malerei bezeichnete. Der Begriff erinnert wohl nicht von ungefähr an den »dinamismo« der italienischen Futuristen, an die Auflösung des statischen Bildes in Bewegung. Mit der dynamischen Malerei hatte der Künstler nun auch die Möglichkeit, sich malerisch mit dem Phänomen Musik auseinanderzusetzen, Klang und Bewegung visuell umzusetzen. Die Gemeinsamkeiten und Verbindungen von Musik und Malerei beschäftigten Moor wie viele Maler seiner Zeit bereits seit langem. Von der Möglichkeit, unterschiedliche Bewegungsabläufe simultan darzustellen, machte Moor auch bei seinen Großstadtszenen Gebrauch, die in den zwanziger Jahren vermehrt entstanden. Die Hektik und rastlose Betriebsamkeit der Stadt wird durch ein scheinbar willkürlich zersplittertes Konglomerat von Flächen bildhaft umgesetzt.

»Biergarten in Fürstenfeldbruck«.Moors kleinformatige Ortsansichten und Landschaftsbilder der Zeit zeigen weniger extreme stilistische Tendenzen. Meist in Mischtechnik mit emailartig glänzender Oberfläche auf Holz gemalt, ist ihre Farbigkeit auf einen Grundton abgestimmt. Aber auch hier sind die Pinselstriche unruhig und deutlich voneinander abgesetzt, so daß der Bildzusammenhang trotz eingeschränkten Formats nur aus der Entfernung deutlich wird. In der wirtschaftlichen Krise Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre, von der die Künstler besonders stark betroffen waren, entstanden zahlreiche dieser kleinen Gemälde, aber auch rasch skizzierte Landschaftsbilder in Aquarell- oder Farbstifttechnik, die noch immer Käufer fanden. Mit seinen impressionistisch wirkenden Landschaften aus der Umgebung Fürstenfeldbrucks und seinen ansprechenden Kinderporträts nahm Moor seit 1929 auch an den Weihnachtsausstellungen der 1924 gegründeten »Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck« teil. Solche künstlerisch gekonnten, aber stilistisch und thematisch unverfänglichen Bilder konnte Moor 1935/36 auch bei den ersten Ausstellungen des »Kunstrings« zeigen, der gleichgeschalteten Organisation, die von 1933 bis 1945 die Künstlervereinigung ersetzte. 1937, als die Münchener Ausstellung »Entartete Kunst« den radikalen und endgültigen Wendepunkt in der nationalsozialistischen Kulturpolitik markierte, zog sich
Moor vom Ausstellungsbetrieb endgültig zurück und übernahm die ehemalige Malschule Heinemann in München. An dieser »Schule für zeichnende Künste und Malerei« unterrichtete er eine bis Kriegsbeginn international zusammengesetzte Schülergruppe.

Am 10. November 1940 starb Henrik Moor in Fürstenfeldbruck. Er hinterließ ein umfangreiches, vielseitiges Werk, das heute zu einem großen Teil in der Anita Moor-Stiftung zusammengefasst ist und von dieser betreut wird.