Karl Trautmann - Leben und Werk

Karl Trautmann in Selbstporträts von 1910, 1914, 1945 und 1945.Mit der Errichtung der Kester-Haeusler-Stiftung haben die Stifterinnen Gabriele und Mirjam Haeusler der Stiftung den von ihnen gepflegten, umfangreichen Nachlass von Karl Trautmann übertragen. In der Stiftungssatzung haben die Damen Haeusler der Stiftung die Auflage mitgegeben, »die Bilder des Malers Trautmann sind ... auszustellen. Sie dürfen für Ausstellungen zeitweise ausgeliehen, jedoch nicht veräußert werden«. Der umfangreiche Gemälde-Bestand wird von der Stiftung in zum Teil wechselnden Kombinationen in der Haeusler-Villa und im Karl-Trautmann-Saal des Veranstaltungsforums der Kester-Haeusler-Stiftung ausgestellt.

Die Betreuung und Pflege des künstlerischen Erbes von Karl Trautmann, dessen bildnerisches Werk zusammen mit dem schriftlichen Nachlass, der neben Skizzen und Skizzenbüchern auch zahlreiche Tagebücher, Schriftwechsel und seine über viele Jahrzehnte geführte, umfangreiche Korrespondenz umfasst, im Karl-Trautmann-Archiv zusammengefasst wurde, ist der Stiftung ein ernstes Anliegen. Mit der aktiven »Pflege« seines Werkes trägt sie z.B. durch Beiträge zu Ausstellungen oder Veröffentlichungen auf vielfältige Weise zur Präsenz des Künstlers im künstlerischen und kulturellen Leben der Region bei. Als ein Zeichen für die besondere Wertschätzung, die Karl Trautmann auch viele Jahre nach seinem Tod noch entgegengebracht wird, sei angeführt, dass die Stadt Fürstenfeldbruck eine Wegeverbindung, die direkt an Karl Trautmanns letzter Wohnung vorbeiführt, zwischen der Dachauer Straße und der Adolf-Kolping-Straße nach ihm benannt und ihm als »Karl-Trautmann-Weg« gewidmet hat.

Ohne Titel, Mischtechnik, 1953Karl Trautmann, der spätere Bildchronist Fürstenfeldbrucks, wurde am 6. Juni 1901 in Nürnberg geboren, wo er mit vier Geschwistern aufwuchs. Er war der Sohn eines Mechanikers, der ihm zwar früh das Interesse für die Kunst vermittelte, aber trotz eines offenkundigen zeichnerischen Talentes keine künstlerische Ausbildung ermöglichen konnte. Trautmann absolvierte eine Malerlehre und war 1919/20 nur dank eines Stipendiums seiner Heimatstadt in der Lage, sich für ein Semester an der Nürnberger Kunstgewerbeschule einzuschreiben. Er studierte bei Rudolf Schiestl (1878-1931), der als Gebrauchsgrafiker und Buchillustrator, aber auch als Glasmaler nicht unbekannt war. 1921/22 kam Trautmann für ein weiteres Semester an der Kunstgewerbeschule in München unter, wo der Grafiker und Kunstgewerbler Fritz Ehmcke sein Lehrer in den Fächern Buchgewerbe und Schriftkunst war.

Ohne weitere Mittel war Trautmann im Anschluss daran gezwungen, sich um eine Arbeitsstelle zu bemühen - ein Unterfangen, dass in den Jahren der Inflation mit ihren unzähligen Arbeitslosen besonders schwierig war. Das Arbeitsamt vermittelte den jungen Mann in die Werkstatt eines Brucker Malermeisters, bei dem Trautmann seine abgebrochene handwerkliche Ausbildung abschloss und die Gesellenprüfung ablegte. Ohne seine künstlerischen Interessen und Ambitionen aufzugeben, übte er in der Folgezeit den erlernten Beruf aus, bis er die Bekanntschaft der Familie Haeusler machte. Von 1924 bis 1927 förderte ihn insbesondere Frau Nelly Ashton und ermöglichte ihm damit das ersehnte Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Die renommierte, wenn auch konservative Hochschule hatte nach dem Ersten Weltkrieg einen katastrophalen Niedergang erlebt, da die überalterte Professorenschaft neue künstlerische Ideen und Entwicklungen ablehnte und interessante jüngere Kräfte in der Inflationszeit kaum berufen wurden. Trautmann hatte jedoch das Glück, zwei hervorragende akademische Lehrer zu finden: Franz von Stuck (1863-1928) und Adolf Schinnerer (1876-1949).

Stuck, der herausragende Repräsentant des Jugendstils, verhalf vielen seiner Schüler zur Entwicklung eines eigenständigen Malstils mit durchaus modernen Tendenzen, die in seinem eigenen Œuvre nur ansatzweise realisiert waren. Karl Trautmann scheinen gerade diese Aspekte jedoch fremd geblieben zu sein; er orientierte sich eher an den ornamentalen Elementen im Frühwerk seines Lehrers.

Adolf Schinnerer, der seit 1923 an der Akademie lehrte, war Stuck an künstlerischer Bedeutung zwar nicht ebenbürtig, aber als Grafiker, Maler und Kunsthistoriker eine überaus anregende Lehrerpersönlichkeit. Er war darüber hinaus ein Meister der Kaltnadelradierung und als Illustrator geschätzt.

»Altes Rathaus in Fürstenfeldbruck«, Aquarell.Trautmann, der über eine beträchtliche zeichnerische Begabung verfügte, fand in Schinnerer das ideale künstlerische Vorbild. Unter seiner Ägide brachte der junge Maler seine grafischen Kenntnisse und Techniken zur handwerklichen Perfektion. Da ihm die malerischen Interessen und Ziele Schinnerers näher standen als die Stucks, übernahm Trautmann darüber hinaus auch grundlegende stilistische Tendenzen. Schinnerer, dessen malerische Wurzeln im Impressionismus und im Pointillismus zu suchen sind, entwickelte in den zwanziger und dreißiger Jahren eine »kursive« Malweise mit kurzen, ornamental geschwungenen Pinselstrichen, die sich auch Trautmann zu eigen machte und die typisch für seine spätere malerische Handschrift werden sollte.

1929 beendete der Künstler sein akademisches Studium und ließ sich als freier Maler und Grafiker für immer in Fürstenfeldbruck nieder. Seine Gönner, Nelly Ashton und die Familie von General Haeusler stellten ihm zunächst ein kleines Häuschen an der Dachauer Straße als Domizil und Werkstatt zur Verfügung. Später bewohnte er - ebenfalls an der Dachauer Straße - eine nach seinen Vorstellungen konzipierte, geräumige Wohnung im Haus Nr. 55. Bis ca. 1938 zog sich der Maler auch immer wieder zu längeren Malaufenthalten nach Ecking am Chiemsee zurück. Den Zweiten Weltkrieg überstand Trautmann, der 1940 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, nach einer frühen Verletzung relativ unbeschadet. Mit den Schwestern Gabriele und Mirjam Haeusler, die eine enge freundschaftliche Beziehung mit dem Maler verband, unternahm Trautmann nach dem Krieg ausgedehnte Reisen vor allem durch West- und Südeuropa. Dabei entstanden zahllose Skizzen, die der Maler später teilweise auch in Zeichnungen und Gemälde umsetzte.

»Baumbestandenes Amperufer bei Schöngeising«, Acryl, 1968.Trautmann hatte sich, nicht zuletzt dank seiner handwerklichen Kenntnisse, zu einem technisch höchst vielseitigen Maler entwickelt, der in Öl und Aquarell, in Tempera und später auch in Acryl arbeitete. Seine Bildmotive fand er zumeist in seinem persönlichen Umfeld; er malte Landschaften, Interieurs, Stilleben. Besonders häufig und intensiv beschäftigte er sich in seinen Bildern aber mit seiner Wahlheimat. Die Häuser, Kirchen und Straßenzüge der Ampergemeinde schilderte Trautmann über Jahrzehnte hinweg aus immer neuen Perspektiven, zu unterschiedlichen Jahreszeiten und bei wechselnden Lichtstimmungen. Wegen ihres künstlerisch-kunsthandwerklichen Reizes fanden und finden diese Ansichten bis heute viele Liebhaber. Sie sind darüber hinaus aber insbesondere als Bildzeugnisse für den städtebaulichen Wandel Fürstenfeldbrucks von größtem lokal-geschichtlichen Interesse.

Auch der künstlerische Weg Trautmanns mit seiner konsequenten stilistischen Entwicklung wird an diesen Bildern deutlich und nachvollziehbar. Die Werke seiner frühen Schaffensphase zeichnen sich durch lebhafte, aber fein abgestimmte Farbigkeit aus, durch detailgenauen, aber niemals pedantischen Realismus und überzeugen von der Fähigkeit des Malers, Oberflächenreize und unterschiedliche Stofflichkeiten sinnlich wahrnehmbar zu machen. Schon in den dreißiger Jahren ändert sich der Malduktus; die Oberflächen werden durch kurze, additiv nebeneinandergesetzte Pinselstriche zergliedert, die den Gemälden die für Trautmann charakteristische »flirrende« Stimmung verleihen. Die Farbpalette wird in dieser Zeit toniger, die Bildformate größer.

»Im Ackersdorfer Atelier«, 1930.In den späteren Werken des Künstlers aus der Nachkriegszeit scheint die Pinselschrift, die Trautmanns Bildern eine starke innere Bewegung verliehen hatte, mehr und mehr zum reinen Ornament, zur Manier zu erstarren. Dies gilt insbesondere für seine großformatigen Gemälde der sechziger und siebziger Jahre mit ihrer stark eingeschränkten, von rötlichen Tönen dominierten Farbigkeit. Größte künstlerische Phantasie und Vielseitigkeit, aber auch herausragendes handwerkliches Können zeigte Trautmann in seinem umfangreichen grafischen Werk, das in den vielen Jahrzehnten seines Schaffens entstand. Das thematische Spektrum des Künstlers war überaus breit; es umfasste Natur- und Menschenstudien, Landschaften und Ortsansichten, Plakat- und Postkartenentwürfe, detailliert ausgearbeitet oder flüchtig skizziert. Überraschende Meisterschaft bewies Trautmann vor allem bei der stillebenhaften Schilderung scheinbar unauffälliger, alltäglicher Kleinigkeiten - dem Stück einer alten Mauer, eines verschneiten Holzstoßes, eines zerwühlten Kissens. Auch die technische Bandbreite des Künstlers war groß; er produzierte Radierungen, Holz- und Linolschnitte, Lithografien, zeichnete mit Kohle, Tusche und Feder, mit Kreide, Blei- und Buntstiften.

Turm der Klosterkirche Fürstenfeld, Zeichnung von Karl Trautmann.Seine Werke zeigte der Künstler seit 1924 bei allen Weihnachtsausstellungen der »Fürstenfeldbrucker Künstlervereinigung«, deren Gründungsmitglied er war. Nach Abschluss seines Akademiestudiums nahm er auch an den Kunstausstellungen im Münchener Glaspalast teil, die freilich Ende der zwanziger Jahre ihr früheres Niveau eingebüßt hatten und kaum mehr als lokales Interesse erregten. Dies ist vielleicht einer der Gründe, warum es Trautmann nur begrenzt gelang, über die Grenzen Fürstenfeldbrucks hinaus künstlerisch auf sich aufmerksam zu machen. In seiner Wahlheimat war Trautmann jedoch zeitlebens ein bekannter und beliebter Vertreter der Kunstszene - nicht zuletzt auch durch sein Engagement für die nach dem Zweiten Weltkrieg neugegründete »Fürstenfeldbrucker Künstlervereinigung«. Trautmann, der seit 1949 Mitglied war, wurde 1961 zum Vorstand der Organisation gewählt, in ein Amt, das er bis 1976 innehatte als er zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. Wie schon sein Vorgänger Alfons Schneider setzte auch Trautmann auf Tradition und Kontinuität, Ziele, mit denen sich viele interessante Vertreter der zeitgenössischen Kunst nicht identifizieren konnten und der Vereinigung deshalb distanziert gegenüberstanden. Wichtigstes Ereignis der Ära Trautmann war die Organisation der Kunstausstellung zur 700-Jahrfeier des Klosters Fürstenfeld.

Momentaufnahmen von Karl TrautmannKarl Trautmann starb am 3. September 1978. Sein Nachlass und der ganz überwiegende Teil seines malerischen und grafischen Werks, das auch Aufnahme in zahlreiche öffentliche Sammlungen gefunden hat, werden heute im Karl-Trautmann-Archiv gepflegt, die umfangreichen schriftlichen Zeugnisse für sein Wirken als Vorsitzender der 1924 von ihm mitgegründeten Fürstenfeldbrucker Künstlervereinigung werden als »Archiv der Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck« ebenfalls von der Kester-Haeusler-Stiftung betreut.